Selfcare, die unterschätzte Superpower

Wenn ich an Selfcare denke, fallen mir Bilder von schönen, schlanken Menschen in einem Spa ein, in einer Wellness-Oase oder im Schaumbad. Es wird Zeit, dass wir Selfcare wieder anders belegen.


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Selfcare, die unterschätzte Superpower

Diese schönen Menschen an den schönsten Orten, was für ein verlockendes Bild.
Und ein sehr unvollständiges.

Ein kurzer Ausflug in die Geschichte

Der Begriff Selfcare stand anfangs für Befreiung.

In den 1960er Jahren tauchte Selfcare zunächst in der Gesundheitsbewegung auf. Schnell wurde er jedoch von Feministinnen und Bürgerrechtlern aufgenommen und dort sehr kämpferisch benutzt.

Noch 1988 schrieb die afroamerikanische Autorin und Aktivistin Audre Lorde:

"Für mich selbst zu sorgen ist kein persönlicher Luxus [sondern] Selbsterhalt und damit ein Akt politischer Kriegsführung."
Die Zeit

Später wurde Selfcare eher als Selbstpflege verstanden.

Dabei ging es um Gesundheit, also wie Menschen durch eigene Handlungen unabhängig und stark bleiben können.

Auch der Duden betont diese Ausrichtung bei Selbstfürsorge. Denn das Wort "Selfcare" taucht dort nicht auf.
Selbstfürsorge ist danach das Bemühen um die eigene seelische und körperliche Gesundheit, die wir aktiv, ganzheitlich und langfristig erreichen können.

Heute geht es in den Medien nicht mehr um politische Selbstermächtigung, sondern um Lifestyle und Konsum.

Es wird Zeit, dass wir uns den Begriff wieder zurückerobern.

Selfcare ist kein Bubble Bath

Für mich ist Selfcare nicht etwas, das man sich einfach so kaufen kann.
Es ist auch nicht nur der kurze Moment der Ruhe und Entspannung.
Und vor allem ist es viel mehr als ein ästhetisch ansprechender Lebensstil.

Das Bild in den Medien hat das Ziel, diesen modernen Entspannungs-Lifestyle zu verkaufen. Damit entsteht ein überhöhtes Ideal und noch mehr Druck.

Denn nun gibt es eine idealisierte Version von Selfcare.

Und nur die ist perfekt und erstrebenswert.

Natürlich ist der Aufenthalt in einem Spa eine schöne Auszeit. Und wir können uns mit einem Schaumbad auch was Gutes tun. Aber in der Regel ist der Zauber nach kurzer Zeit wieder verflogen.

Diese Form von Selfcare ist einfach nicht nachhaltig.

Echte Erholung ist kein Punkt auf deiner To-Do-Liste.

Noch schlimmer ist es, wenn ich bei meinen Kundinnen einen Punkt wie "Selfcare" auf ihrer To-do-Liste sehe.

Zum einen, weil dieser Punkt irgendwie immer weiter runter rutscht. Er scheint nie die Priorität zu bekommen, die Selfcare verdient.
Ganz im Gegenteil. Für viele führt das zu einem schlechten Gefühl. Das schlechte Gewissen nagt und nörgelt.

Zum anderen haben viele gar keine richtige Antwort, was das für sie bedeutet.
Ich höre dann ganz oft: "ich sollte" oder "ich könnte", ohne einer konkreten Idee für sich selbst.

Dabei vergessen sie, dass wir für unser Wohlbefinden täglich echte Erholung brauchen.
Besonders bei Solo-Unternehmerinnen hängt der berufliche Erfolg an ihrer eigenen Kapazität. Und wenn die Batterien leer sind, kann der Laden nicht laufen.

Selfcare ist viel mehr, als wir glauben.

Tatsächlich besteht Selfcare aus einem physischen, einer sozialen und einer mental-emotionalen Komponente.

Der physische Teil betrifft alles, was direkt unseren Körper stärkt und schützt, wie Ernährung, Schlaf und Bewegung. Diesen Teil kennen die meisten.
Sie wissen auch, was sie hier tun können.

Der soziale Teil ist nicht so offensichtlich. Er betrifft, wie wir Grenzen setzen, um Hilfe bitten und die Entscheidung wie und mit wem wir Zeit verbringen. Darüber wird inzwischen mehr gesprochen.

Was wir jedoch kaum lernen, ist der mentale und emotionale Teil.
Hier geht es darum, wie wir Gefühle wahrnehmen, regulieren und verarbeiten. Aber auch um innere Sicherheit, Stärke und Stabilität als Grundlage dafür, wie wir dem Leben begegnen.

Dieser Teil fehlt am häufigsten. Und kaum jemand spricht darüber.

Selfcare als Zeichen von Selbstachtung

Mentales Selfcare bedeutet also den Blick nach innen. Deshalb spreche ich lieber von Selbstachtung: Wir achten auf uns und unser Wohlbefinden.

Es beginnt mit einer Frage.

Am einfachsten geht das mit einer ehrlichen Frage:
"Wie geht es mir gerade?"

Wir wollen wirklich wissen, was los ist, offen und voller Interesse. Nicht das übliche "passt schon irgendwie" oder "jetzt doch nicht".
Diese Frage ist ein Stimmungstest im besten Sinne des Wortes.
Ein Früherkennungssystem, ob wir noch auf Kurs sind.

Hinter der Mauer des Funktionierens hören wir uns selbst nicht mehr.

Dieses Innehalten und in sich hören ist besonders für alle wichtig, die sich gerne von ihren eigenen Ansprüchen antreiben lassen.

Sehr leicht übersehen wir genau dann, wenn wir besonders produktiv sind, wie sehr wir uns damit erschöpfen.
In den Phasen des Flow fühlen wir uns gut und vergessen die Anstrengung. Die Endorphine tanzen, doch auch das kostet Energie.

Schlimmer wird es, wenn wir vor allem mit Willenskraft weitermachen. Wenn wir bewusst unsere Bedürfnisse ignorieren, nicht genug trinken, keine Pause machen, nicht mal auf die Toilette gehen. Nur weil was unbedingt jetzt fertig werden muss.
Fast so, als ob unser Leben davon abhängen würde.

Die Frage, wie es dir jetzt gerade geht, wie du dich jetzt gerade fühlst, bringt dich zurück zu dir. Sie hilft dir vom Diktat der Leistung und der Außenwirkung wegzukommen.
Sie reißt die Mauer des Funktionierens ein.

Wer den eigenen Signalen nicht traut, verliert die Orientierung.

Es geht um die kleinen und oft leisen Signale deines Körpers.

Selfcare und Selbstachtung ist für mich vor allem der Beweis, dass du dir wichtig bist.
Auf einer praktischen Ebene ist es Energiemanagement.
Doch im Grunde geht es um Körperwissen, das sonst ignoriert wird.

Der Körper denkt mit. Er verfügt über eigene Nervensysteme im Bauch und im Herzen, die Informationen verarbeiten und ans Gehirn weitergeben.
Wenn wir diese Signale ignorieren, vernachlässigen wir eine wichtige Quelle an Wissen und Intelligenz.

Dieses Wissen können wir nicht durch Nachdenken ersetzen. Und damit fehlt uns nicht nur Energie, wir verlieren leichter die Orientierung und machen uns auch Entscheidungen schwerer.

Hör dir besser zu

Selfcare beginnt eben nicht mit der körperlichen Komponente.
Auch wenn die meisten sofort an Pausen, Urlaub und Wellness denken, es beginnt mit dir selbst.

Unser innerer Dialog setzt den Rahmen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie ich mit mir selbst rede.
Auch nach vielen Jahren der Praxis, ist mein innerer Dialog oft sehr ruppig und harsch.

Ich höre immer wieder, wie gemein diese innere Stimme ist. Sie klingt oft nach einem Drill-Sergeant, nach einem fiesen Boss oder der strengen Lehrerin.
Als Erwachsene würden wir niemandem erlauben, so mit uns zu sprechen!

Wenn Self-Care reden könnte, wäre es die Stimme einer Person, der wir wirklich wichtig sind. Worte voller Interesse, Zuspruch und ja, Liebe.

Weich ist nicht nachgiebig.

Die meisten reagieren auf diese Idee erst einmal abwehrend.
Sie denken an Mitleid oder Verhätscheln. Sie haben Angst, dass sie dann nichts mehr erledigt bekommen oder ihren Erfolg riskieren.

Wir sind es von klein auf gewohnt, dass wir mit Mühe und Strenge unsere Ziele erreichen. Harte Arbeit ist ein Zeichen der Ehre.
Dabei erreichen wir unsere Ziele oft, obwohl wir so streng mit uns sind.

Nur weil wir uns fragen, wie es uns geht, heißt das nicht, dass wir Dinge nicht tun. Nur tun wir sie bewusst und gezielt. Und nicht aus falsch verstandener Disziplin oder schlechtem Gewissen heraus. Das ist Fordern ohne zu überfordern.
Diese Stimme hilft uns viel mehr als jeder strenge Kritiker.

Selfcare bedeutet, dass ich mich so behandle, als ob ich mir wichtig bin.
Weil ich es bin.

Selfcare ist deine Superpower

Selfcare ist eben viel mehr als Entspannung, Pausen oder Energie-Tanken.
Die Superpower beginnt, wenn wir uns selbst ernst nehmen. Dann hören wir auch die leisen Signale unseres Körpers, die uns zusätzliches Wissen und Orientierung liefern.
Und wer die Orientierung behält, kann entscheiden.

Mein besonderer Dank geht an Rani Gindl für diese Blogparade.
Sie hatte dazu eingeladen etwas über die Frage "Was ist Selfcare für dich" zu schreiben.

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Astrid von Weittenhiller

Ich helfe Solo-Unternehmerinnen mit Life Coaching Methoden, wenn Erfahrung keine klare Richtung mehr zeigt.

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